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Eine total verrückte Streckenflug-Woche!

By 19. November 2016Flugberichte
streckenflug segelflug

Die Thermiksaison ist vorbei, Grund genug für eine Rückblick! MILVUS Testpilot Mathias Schunk berichtet von seinem Streckenflug im Mai 2016 im Segelfliegen Magazin:

 

„Nachdem wir uns am Abreisetag nach Lienz bereits bei Sport- und Wettbewerbsleiter des Ohlstädter Wettbewerbs abgemeldet hatten, entschuldigte ich unsere Reise beim donnerstäglichem Briefing nochmals vor allen und erneuerte auch das Versprechen, dass wir das Bier für den Abschlussabend ausgeben würden. Es gab auch nur Glückwünsche zu unseren Flügen und keiner war beleidigt.

Auf dem Flugplatz in Königsdorf werden die Segelflugzeuge Startklar gemacht.

Auf dem Flugplatz in Königsdorf werden die Segelflugzeuge Startklar gemacht.

 

Am Freitag, 06.05. meldete ich mich dann erneut vom Wettbewerbsgeschehen ab, schließlich hatte ich ja mittlerweile sowieso schon den zweiten Wertungstag verpasst. Ich startete um 10:00 Uhr vor dem Feld. Im Logger hatte ich ein 1100er-FAI-Dreieck mit Abflugpunkt Königsdorf deklariert. Im Gleiten nach dem Abflug Richtung Tegenseer Berge sehe ich unsere „DF“, die Königsdorfer ASH25, im Butterfly. Veit Schwahn und Dirk Weisel waren auf ähnlicher Route unterwegs und hatten 1000 km FAI ausgeschrieben.
Etwa 15 km war ich stets voraus und konnte immer die aktuellen Infos weitergeben. Im Gasteiner Tal bin ich dann leider ganz knapp an der Hauptkamm Querung gescheitert und musste genau um 12:00 Uhr vor dem Pass abdrehen. „So ein Mist, so früh war ich schon lange nicht mehr an dieser Stelle“, ging mir durch den Kopf, als ich mich über den Fauxpas ärgerte. Nun ging es aber erst einmal darum, wieder vernünftig ins System zurück zu kommen, denn nun musste ich ja recht niedrig
wieder zurückfliegen, um Anschluss zu bekommen. Nachdem ich die DF-Crew gewarnt hatte, genehmigten die sich ein paar Meter mehr Sicherheit und kamen problemlos drüber. Mit etwas Glück fand ich einen Bart, der mich 20 Minuten später auch den Hauptkamm queren ließ. „Das gleiche ist mir am Tag nach meinem ersten FAI-1000er mit der LS 8-18 auch passiert, als ich den 1000er-Versuch mit 15-Meter- Ohren anging“, ging mir durch den Kopf, „das war danach der bisher beste Thermiktag, den ich je erlebt hatte“, machte ich mir, trotz der unwiederbringlich verlorenen 20 Minuten, selbst Mut.

Der Vorteil des Abprallens war, dass wir nun echten Teamflug machen konnten, waren wir doch recht bald genau zusammen. Die Basis sank gegen Südosten leider immer weiter ab und in den Karawanken war diese dann gerade noch um die 2000 Meter. Insofern war ich froh, dass ich bereits am Storzic wenden konnte, während die DF an dieser Stelle noch 30 km weitermusste, so dass sich hier unsere Wege wieder trennten.
Nach den Karawanken flog ich, aufgrund der besseren Optik zunächst auf der Südseite des Gailtals in den Karnischen, verpasste aber den richtigen Zeitpunkt, um auf die Nordseite zu springen, was ich natürlich gleich der DF weitergab. Aus nur 2000 Meter zog ich an den Lienzer Dolomiten dann einen drei Meter Bart für gut 700 Höhenmeter und kam mit einem blauen Auge davon. Die Nordseite des Pustertals sah dann besser aus, als sie war, und bei Sterzing lag die Basis auch nur bei 3300 Metern, so dass der Einstieg ins Vinschgau mal wieder tief erfolgen musste. 15:15 Uhr war es mittlerweile und noch 300 km bis zur zweiten Wende am Dom, wofür mein Zeitplan 17:15 Uhr vorsah. Ich war also genau die am Hauptkamm verlorenen 20 Minuten hinterher…

Teamflug in der Gegend vom Teegernsee in Bayern.

Teamflug in der Gegend vom Teegernsee in Bayern.

 

Schon wieder ein Fels im Weg
Der Einstieg ins Vinschgau gelang perfekt: knapp 600 Meter mit 3,7 m/s im Mittel. Weiter ging`s Richtung Ofenpass und ins Engadin, wo ich feststellte, dass der Südwind stärker wurde. Mittlerweile kam unser Ohlstädter Teamflug-Gespann mit drei Arcen und einer ASG 29 auch in diese Gegend, da deren letzte Wende am Piz Grisch lag. Auch von diesen wurde mir die Südwind-Geschichte bestätigt.

Da die Rippen im Vorderrheintal alle mehr oder weniger in Nord-Süd-Richtung Verlauf Kalcklaufen, entschied ich mich recht spontan, ins Hinterrheintal zu fliegen, um dort im Luv bis zum Rheinwaldhorn zu fliegen. Mein mentales Modell war, dass die südlichen Öffnungen von Splügen-Pass und San-Bernadino-Pass eigentlich breit genug sein müssten, damit der gegenüber¬liegende Nordhang des in West-Ost-Rich¬tung verlaufenden Hinterrheintals gut angeströmt sein sollte.

Dabei erinnerte ich mich an einen Abend bei Dieter Franz von vor über 20 Jahren, als dieser mir 1:200.000-Karten im Wohnzimmer von dieser Gegend ausgebreitet hatte und mich bei der Suche nach einem Wendepunkt für mein erstes 900er unter¬stützte. Nur leider konnte ich im Hangflug zwar die Höhe halten, aber richtig steigen konnte ich nicht, zumindest nicht so, um am Ende des Tals Richtung Bedretto springen zu können. Ich genoß den gigantischen Ausblick auf das riesige Rheinwaldhorn direkt vor mir, aber nun stand mir schon zum zweiten Mal an diesem Tag massiver, dicker Fels im Weg und sofort war mir klar, dass das nun das endgültige Aus für das 1100er-FAI-Vorhaben bedeutet… 16:35 Uhr war es da und noch 110 km bis zur Wende am Dom, also immer noch diese 20 Minuten…

Am Rückweg traf ich dann die Wettbewerbs-Jungs und wir flogen ein Stück zusammen zurück ins Engadin. Während diese jedoch bald in den Endanflug-Modus ihrer 700-km-Wettbewerbsaufgabe wechselten, wollte ich den angebrochenen Tag ja noch irgendwie nutzen und wendete um 18:00 Uhr an den Miemingern, um noch¬mals nach Südwesten zu fliegen. Zunächst versuchte ich mich dabei an der Südost¬seite des Engadins, was für diese Tageszeit normal ist. Aufgrund des Südwinds wech¬selte ich jedoch am Reschenpass Richtung Muttler, wo ich die DF wieder traf, die ihrerseits am Piz Mitgel abgebrochen hatte.

Perfekte Verhältnisse für weitreichende Streckenflüge.

Perfekte Verhältnisse für weitreichende Streckenflüge.

 

Um halb acht fehlen noch 600 Höhenmeter
Während Veit und Dirk bis auf 3700 m kamen, war bei mir dann schon bei 3500 m Schluss. Da ich aber im Hinterkopf hatte, zumindest die 1100-OLC-Kilometer noch voll zu machen, ignorierte ich dieses klare Zeichen, dass dieser Bart zusammenbrechen würde und glitt noch gut 10 km weiter, womit die 1100 voll gewesen wären, wenn ich heimkommen würde.

Gerade mal einen halben Meter fand ich danach an der alten Stelle am Muttler noch und kam auch nur noch auf 3150 m. Zu allem Überfluss, hörte ich von der DF, dass sie nur noch gleiten würden. Auch ich fand im Engadin kein Steigen mehr und als ich am Tschirgant dann noch 100 Meter bei der Aufwindsuche verloren hatte, habe ich mich von meinen 170 Liter Wasser getrennt, denn nun ging es auf einmal nur noch ums blanke Obenbleiben: Es war 19:30 Uhr, 80 km bis nach Königsdorf, wo ich in 1000 m QNH ankommen musste, um das dann gut 900-km große Dreieck zu schließen. Es fehlten mir also rund 600 Höhenmeter!

Von der DF hörte ich, dass sie über die Zugspitze und die dort noch schöne Wolke heimfliegen würden. Dazu war ich jedoch viel zu tief und flog bereits in einem ganz anderen System. Ich müsste nur in vernünftiger Höhe bis zu den Miemingern kommen und die Hohe Munde würde im Hangwind bestimmt gehen. Nur dazu war ich mit knapp 2000 m ebenfalls zu niedrig, also setzte ich gezielt auf einen Punkt bei Nasserreith, wo ich schon des Öfteren Umkehrthermik angetroffen hatte. Und auch diesmal funktionierte diese Stelle: eine Viertelstunde später war ich 450 Meter höher und konnte die Mieminger Kette anfliegen, die zunächst nicht wirklich funktionierte.

Am Ostende ging die Hohe Munde aber wie gedacht im reinen Hangflug. Ganz enge Achten legte ich in dem jetzt super leichten Quintus an den Hang und kam so bis auf Gipfelhöhe. Einmal mehr kam ich dabei in den Genuss, mir diesen Aufwind mit einem Adler zu teilen; ein für mich immer wieder grandioses Erlebnis, welches man so wohl nur in den Alpen so intensiv erleben darf. Und wie schrieb schon Hanna Reitsch im Vorwort zu Jochen von Kalckreuths Buch: „Ein Flug über den Alpen gehört zum Schönsten, was Menschen erleben können“. Dem ist absolut nichts hinzuzufügen!

Um 20:07 Uhr begann ich den Endanflug und hatte auch genug Höhe nach Schließen des Dreiecks in Königsdorf, um noch nach Ohlstadt zu gleiten, wo ich nach 10:46 Stunden Streckenflug und 1102 OLC-Kilometern 30 Minuten vor Ende der bürgerlichen Dämmerung gelandet bin. Veit und Dirk hatten am Ende ein paar Höhenmeter, gefehlt, um das Dreieck zu schließen und so gab es für sie leider keinen FAI-Bonus auf die 913 geflogenen Kilometer oben drauf.

Arcus und Qunitus im Formationsflug über den Schneebedeckten Alpen.

Arcus und Qunitus im Formationsflug über den Schneebedeckten Alpen.

 

Sehr frühe Thermik-Entwicklung im Ohlstädter Tal nicht gesehen
Für Samstag war mein mentales Modell, dass der weiter herrschende Südwind eine frühe Alpenhauptkamm-Querung im Gasteiner Tal schwierig machen könnte. So entschied ich mich für ein 1000-km-DMSt- Viereck, wozu ich zunächst 300 km gen Osten fliegen musste. Erneut startete ich um 10:00 Uhr in Ohlstadt, und als ich aus dem Loisach-Tal heraus war und einen Blick nach Osten werfen konnte, sah ich bereits hervorragende Entwicklungen, so dass ich wohl mindestens eine halbe Stunde hätte früher starten können. Klaus Peter Renner, der von Königsdorf aus, auf den Westabflug gesetzt hatte, meldete dann auch, dass der erste Bart an der Benediktenwand bereits bis auf 2500 Meter ging! Da fiel es mir etwas schwer, geduldig innerhalb des 15-km-Radius von Ohlstadt die nötige Höhe mit Motor zu machen (es war heute ja Bundesliga…), um dann zum Abflugpunkt nach Königsdorf zu gleiten. Auch mir gelang dann ein guter Einstieg und am Fockenstein kam ich bereits auf 2650 m. Der weitere Ostabflug funktio¬nierte problemlos und der Blick auf den Alpenhauptkamm bestätigte mich in der Entscheidung, kein FAI-Dreieck ausge¬schrieben zu haben.

Als ich mir am Hochkönig 500 Höhenmeter gönnte, um hoch Richtung Hochgründeck und Rossbrand weiterfliegen zu können, war ich mir beim Blick ins Gasteiner Tal sicher, dass es kein Spaß wäre, jetzt über den Hauptkamm zu kommen. Eine Einschätzung, die mir am Abend durch einen ex Königsdorf abgebrochenen (und nicht zum OLC gemeldeten) Streckenflug bestätigt wird.

Am Dachstein rastete ich die Wiener Neustädter Quasselfrequenz und rief Hermann Trimmel, von dem ich erfuhr, dass es weiter im Osten zwar alles recht niedrig wäre, aber dennoch einigermaßen ginge. Die erste Wende bei Lanzen-Turnau erreichte ich mit einem bis dahin 107er Schnitt, nicht schlecht für den Anfang. Am Rückweg querte ich bei Trieben auf die südliche Talseite, blieb aber in der immer besser werdenden Thermik sehr lange auf der nördlichen Hauptkamm-Seite. Erst an der Arlscharte wechselte ich ins Drautal, da meine zweite Wende etwas östlich von Lienz lag. 14:35 zeigte die Uhr und ich hatte noch 522 km vor mir, so dass ich sehr gut in der Zeit lag. Beim Vorbeiflug an Lienz- Nikolsdorf bedankte ich mich im Funk nochmals für die herzliche Aufnahme am Anfang der Woche.
Verlängerung nach Osten.

Das Pustertal zeigte sich an diesem Tag durchaus von seiner besseren Seite, auch wenn an diesem Tag die Hauptkamm- Nordseite weitaus besser als die Südseite war, wie man später auch an den Liga Schnitten sah. Benjamin Bachmaier erreichte hierfür 131,7 Punkte bzw. 145,5 km/h und stellte am Abend etwas frustriert fest: „Das war das Beste, was ich thermisch bisher in den Bergen erlebt habe, aber dennoch waren die Jungs in der Heide wieder deutlich schneller“. Der Faktor Rückenwind bzw. Aufwind-Reihungen auch bei Gegenwind-Schenkeln ist für die Ligafliegerei eben ein ganz gewichtiger, und den gibt es in den Alpen so halt überhaupt nicht.

streckenflug-alpen
Mittlerweile hörte ich Benjamin Schulz in seiner ASG 29 im Funk, der erst um halb zwölf in Königsdorf gestartet war, etwa 70 km hinter mir. Er hatte ein 850er-Viereck ausgeschrieben, dessen dritte Wende etwas östlicher als meine lag. Ich informierte ihn, dass ich durch einen guten Bart an den Sarntalern hoch ins Vinschgau einfliegen konnte und dieses ebenfalls gut liefen. Von den Wettbewerbsteilnehmern aus Ohlstadt, die am letzten Wertungstag eine fünfstündige AAT mit Sektoren bis maximal möglichen 840 km zu fliegen hatten, hörte ich aber, dass es schon viele Schauer im Engadin und westlich davon gäbe. Auch der Ofenpass sah mir zweideutig aus, so dass ich mich dazu entschied, südlich des Reschensees direkt ins Engadin bei Scouls zu fliegen, um im Zweifelsfall jederzeit nach Norden abdrehen zu können.

Über den Flüela Pass flog ich weiter nach Westen, wo der Südwind erneut immer stärker wurde. Der Blick zurück machte aber klar, dass es sich grundsätzlich nur um einzelne lokale Schauer handeln würde und dass der Weg über den Ofenpass der bessere gewesen wäre. Eine Info, die ich natürlich Benjamin sofort weitergab. An der Mucheta kam ich nochmals auf 3600 Meter, aber die Optik für die nächsten 40 km bis zur letzten Wende war alles andere als gut. Zumindest war es erst 16:35 Uhr, ich hatte also noch vier Stunden bis Sonnen untergang und nur noch 255 km vor mir…

Die Wolke am Aroser Rothorn brachte rein gar nichts, ebenso der Wolkenfetzen an der Rippe westlich der Lenzer Heide. Noch 25 km bis zur Wende, die in 2800 Meter liegt, ich war noch 3200 Meter hoch, „das langt bei dem Gegenwind nie und nimmer“, ging mir durch den Kopf. Bei Thusis sah ich ein paar rotorähnliche Wolkenfetzen. Und tatsächlich konnte ich in einer Welle hier bis auf 3600 Meter steigen.

Um 17:00 Uhr wendete ich und flog Richtung Welle zurück, in der ich erneut bis auf 3300 Meter kam. Benjamin war mittler¬weile ebenfalls schon westlich vom Engadin und ich lotste ihn über Mucheta zur Welle. Nach einem guten Bart an der Mucheta war der Sprung ins Engadin, das immer noch mit Schauern durchsetzt war, kein Problem. Auf der Nordseite vom Engadin flog ich danach in windunterstützter Thermik in die Endanflughöhe hinein. Um 18:15 Uhr war ich bei Pfunds, noch gut 110 km von zu Hause entfernt und mit 3800 Meter bereits in sicherer Endanflughöhe. Was also für die Kilometeropti¬mierung noch tun, war die Frage. Das für solche Situationen übliche Szenario, ein Jojo zurück ins Engadin, war aufgrund der Schauer und der damit verbundenen Gefahr, sich abzuschneiden, keine Alternative. Die Optik Richtung Karwendel war dagegen durchaus noch vielversprechend, also entscheid ich mich, weiter gen Heimat zu fliegen, um dann noch nach Osten zu verlängern.

Innsbruck Approach gewährte mir, am Tschirgant nochmals auf 3800 Meter zu steigen, und als ich um 19:25 Uhr über dem Skigebiet von Christlum nochmals einen Bart bis auf 3900 Meter, meinem Tages¬maximum, fand und den Kontroller fragte, ob ich in dieser Höhe weiter gen Osten fliegen dürfe, wo die Luftraumgrenze bei FL 95 liegt, war dieser sichtlich beeindruckt und meinte: „Was ist denn heute los, dass es so spät dort noch so hochgeht!?“ Benjamin Schulz, der mittlerweile auch Endanflughöhe hatte, schrieb später in seinem Streckenflug Kommentar: „Noch nie einen Tag mit so viel Energie in der Luft erlebt“, besser kann man es wohl nicht beschreiben. Da das aber nun die letzte Wolke war, die einigermaßen auf meiner letzten geflogenen Linie lag, begann ich danach meinen Endanflug, den ich versuchte, so weit wie möglich nach Nordosten zu strecken. Ein gewisses dreidimensionales Problem, durfte ich doch nicht zu weit nach Norden abbiegen, damit ich nicht zu hoch an der FL100-Grenze ankam, ich aber doch so weit wie möglich nach Norden ausholen sollte, um den sechsten Schenkel über Königsdorf nach Ohlstadt möglichst gerade zu bekommen.

Während ich in Königsdorf die Ziellinie überflog, hatte Benny noch acht Kilo bis zu seinem Zielpunkt am Alpamare und meinte: „Nach so einem anstrengenden Streckenflug brauch ich jetzt erst einmal eine längere Pause“, woraufhin ich erwiderte, dass dies bereits mein vierter Flugtag in fünf Tagen sei. „Du bist ja auch nicht von dieser Welt und du musst mir mal erklären, wie du das mit der Kondition machst“, war seine Antwort… „Das erklär ich dir bei dem Bier, dass ich für den Wellentipp von dir bekomme“, scherzte ich zurück.

Tagessieg für Rainer Cronjäger
Ein überaus erfolgreicher Tag für Königsdorf neigte sich nun zu Ende, und hätten Veit und Dirk am Vortag ihr Dreieck noch schließen können, hätte die DMSt-Mannschaftswertung am 07. Mai mit einem 1000er und einem 850er-Viereck sowie einem freien 800er-FAI-Dreieck schon recht ordentlich ausgesehen. Am Ende machte ich, Gott sei Dank, in Ohlstadt noch einen Zischer und verzichtete damit auf die letzten paar optimierten Kilometer. Die Optimierung endete bei 1155 km.

So blieb dem die Ehre, dem die Ehre wirklich gebührt: Rainer Cronjäger wird OLC- Tagessieger, den er sich, in meinen Augen, für sein erstes FAI-1000er (siehe Bericht im segelfliegen magazin 04/2016) von Hausen aus auch mehr als redlich verdient hatte. Rainer ist nämlich erst der elfte Pilot, dem ein FAI-1000er in den Alpen gelang. Neben dem Wiener-Neustädter-Quartett Wolfgang Janowitsch, Hermann Trimmel, Herbert Pirker sowie Christian Hynek und Wolfgang Zarl im Nimbus-4D, bei denen die Spitze der Dreiecke jeweils in Slowenien lagen, waren das von Königsdorf neben mir Uwe Hartmann und Armin Behrendt. Robby Schröder flog 2008 ex Füssen auf ähnlicher Route wie wir mit 1100 km das bisher größte Alpen-FAI-Dreieck. Dazu kommen dann noch die FAI 1000er, die Michael Trial von Fayence aus und später Gabriel Rossier von Bex aus über den Alpenbogen gelegt hatten. Für mich besonders erfreulich ist, dass es mit der Routenwahl von Rainer nun noch eine vierte Variante für ein 1000er-FAI in den Alpen gibt.

Am Abend fand in gemütlicher Runde die Siegerehrung des ersten Ohlstädter Wettbewerbs statt, der ab sofort den bisherigen Zwei-Jahres-Rhythmus des Königsdorfer Wettbewerbs im Wechsel ergänzen soll. Als ich die Urkunde für meine 1000 Gesamtpunkte und den 12. Platz erhielt, rief Pia laut in die Runde: „Wie!? Und dafür warst du die ganze letzte Woche Tag und Nacht unterwegs!?“

Sonntag, 08.05.: Same, same, but different…
In den Vorhersagen für Sonntag waren für den Südosten ab Mittag Schauer möglich, so dass ich erneut auf das Ausscheiben eines FAI-Dreiecks verzichtet hatte und nochmals das 1000er-Viereck vom Samstag probierte. Wie sich abends witzigerweise rausstellte, tat Rainer Cronjäger gut 200 km weiter südwestlich genau das Gleiche und machte sich nochmals an dieselbe Aufgabe vom Vortag.

Der Start in Ohlstadt erfolgte erneut um 10:00 Uhr, der Abflug gestaltete sich in den Tegernseer Bergen allerdings deutlich zäher als die Tage zuvor. Östlich vom Dachstein bot sich mir im Osten eine nicht gerade zuversichtlich stimmende Wetter-optik. Man sah östlich von Trieben bereits mehrere Schauer und die Basis war auch nicht gerade hoch. Daher versuchte ich, am Dachstein möglichst maximale Höhe zu machen. Im Ramsau-Bart, den Jochen von Kalckreuth schon als sehr zuverlässig beschrieb, holte ich so 500 Meter dazu. Jedesmal, wenn ich hier bin, muss ich an diesen Satz von Jochen von Kalckreuth denken und überlege mir, dass dieser Bart wohl nicht nur seit ein paar Jahrzehnten dort steht, sondern, dass die Flugsaurier diesen wohl auch schon genutzt haben!

Weiter im Osten blieb mir gar nichts anderes übrig, als nördlich am Hochschwab vorbei zu fliegen, eine Gegend, in der ich noch nie war. Aufgrund der für mich unklaren Außenlandefeld Situation agierte ich dementsprechend vorsichtig. Aus 2400 Meter glitt ich schließlich mit der abfallenden Basis zum Wendepunkt, konnte danach aber aus dieser Position nicht mehr vernünftig auf derselben Route zurück¬fliegen, so dass ich mich unter der tiefen Basis südlich vom Hochschwab Richtung Westen zurück kämpfte. Ein Flug auf der Direttissima war aufgrund der Schauer bei Timmersdorf und Trieben leider unmöglich.

Im Gesäuse schwenkte ich auf meine Hinflugroute ein, die ich über Dachstein, Rossbrand und Hochgründeck beibehielt, da die Hauptkamm-Südseite mit vielen Schauern durchsetzt war und es keine Chance gab, früher über den Hauptkamm zu springen. Am Hochgründeck bog ich dann fast 90 Grad Richtung zweiter Wende ab, die nur noch gut 60 km entfernt war, und querte bei Bad Gastein den Hauptkamm.

Zwischen Verzweiflung und Hochgefühl
Rainer, der ebenfalls sehr weit im Westen den Hauptkamm querte, berichtete mir später, dass er froh war, aufgrund der Schauer auf der Südseite möglichst früh drüber fliegen zu können! Und ich musste in der Gegenrichtung queren… eineinhalb Stunden später und nach ein wenig Schauer-Slalom im Pustertal kam ich bei Sterzing an, wo ich allerdings nix fand. Da der Weiterflug ins Vinschgau von der Optik her nicht in Frage kam, flog ich weiter ins Ridnauntal, wo ich mich dann mühsam aus 2000 Meter am Hang wieder hoch kämpfte.
Um halb fünf querte ich das Timmelsjoch ins Ötztal. 140 km waren es da noch bis zur Wende, also lag ich durchaus noch in der Zeit, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt am Vortag schon 100 km weiter war. Der Sprung ins Engadin gelang dann noch ganz passabel, im Samnauntal aber erfolgte dann nicht nur die Vollbremsung, ich musste sogar wieder ein Stück zurück¬fliegen. Gut 20 Minuten lies ich hier liegen, und so richtig hoch kam ich im Engadin auch nicht. Erst bei Ardez kam ich mal wieder auf über 3000 Meter, wobei nun der Südwind unterstütze. Und da war es dann wieder, das einzigartige Gefühl, wie es wohl nur Segelflieger kennen: Erst in nur 2000 Meter der Verzweiflung nahe, und plötzlich wieder in 3000 Meter: Wie kann ich die Aufgabe doch noch schaffen? 80 km waren es noch bis zur dritten Wende und es war kurz nach halb sechs. „Wenn ich an die Wende komme, dann könnte ich danach den letzten Schenkel (214 km) über den Arlberg im Wind nach Hause fliegen“, machte ich mir aufgrund des nunmehr doch leicht kritischen Zeitplans selber Mut.
Ich passierte den Flüelapass und konnte entlang der Südflanken meinen Gleit¬winkel immer wieder deutlich strecken, richtige Thermik fand ich jedoch keine mehr. Bereits von Weitem aber lockten mich die Wolkenfetzen bei Thusis, wo ich am Vortag bereits Welle geflogen war. Und tatsächlich, genau an derselben Stelle konnte ich wieder steigen! Richtig gut sogar, und so war ich innerhalb von nur 13 Minuten von 2300 Meter bis auf 3650 Meter gestiegen.

Auf ging`s für die letzten 20 km zur Wende, die ich um 18:23 Uhr umrundete und danach zurück in die Welle, wo ich mir nochmals 900 Höhenmeter gönnte. Danach flog ich, wie zuvor angedacht, nicht Richtung Engadin zurück, sondern mit Rückenwind Richtung Arlberg. An der Querrippe zwischen Prättigau und Montafon testete ich kurz, ob man im Hangwind steigen könnte, war allerdings zu diesem Zeitpunkt noch zu weit über Grat. Danach noch ein paar Angstkreise und nochmals 150 Höhenmeter dazu gemacht, bevor es in 2700 Meter über den Arlberg-Pass ging.

120 km bis nach Hause waren es da noch. Östlich lockte eine wunderschöne Wolke, welche jedoch insgesamt eher enttäuschte. Zeit spielte aber keine Rolle mehr, denn ich hatte noch fast zwei Stunden bis zum Ende der bürgerlichen Dämmerung, und so stieg ich langsam, aber sicher auf Endanflughöhe und darüber. Um 19:30 Uhr flog ich in 3300 Meter los. Die bekannte Südwindroute entlang der Inntal-Nordseite funktionierte leider nur bedingt, aber die Hohe Munde funktionierte wie zwei Tage zuvor bereits erneut und ich legte nochmals 500 Meter drauf.

Am Wettersteingrat dann nochmals ein paar Meter dazu und um 20:19 Uhr begann ich aus 3000 Meter den letzten Gleitflug des Tages, den ich über Königsdorf noch etwas verlängerte. Um 21:00 Uhr, 13 Minuten vor der Deadline landete ich nach 11:05 h Flugzeit und 1103 OLC-Kilometern wieder in Königsdorf.

streckenflug-gleitflug
Nach einem langen und anstrengenden Streckenflug neigt sich der Tag dem Ende zu

Nach 1103 OLC Streckenflug - Kilometern und 11:05 h Flugzeit wieder zurück am Platz.

Nach 1103 OLC Streckenflug – Kilometern und 11:05 h Flugzeit wieder zurück am Platz.

 

Fazit: fünf Flugtage und 5574 Kilometer
Was für eine verrückte Woche! Fünf Flugtage in sechs Tagen, jedes Mal größer 1100 km und mit gut 54 Flugstunden so viele, wie sie bei uns nur ein überdurchschnittlicher Vereinspilot das ganze Jahr über fliegt. „Morgen ist dann mal Pause“, schrieb ich dann auch in den OLC-Kommentar und musste schmunzeln, als ich sah, dass auch Rainer Cronjäger die Aufgabe vom Vortag einfach nochmals geflogen hatte. Beim etwas detaillierteren Studium fiel mir ein paar Tage später auf, dass wir uns bei St. Johann fast getroffen hätten, schade eigentlich…

Und somit gehört Rainer nun – neben mir mit meinen vier und neben Wolfgang Janowitsch und Armin Behrendt, die jeweils zwei geflogen haben – zu den nur vier Piloten, denen das Kunststück eines angemeldeten FAI-1000er in den Alpen mehr als nur einmal gelungen ist.

Streckenflug Flugstrecken von den Segelflügen im Mai

Zwei angemeldete 1000-km-DMSt-Vierecke mit denselben Wenden, aber teilweise unterschiedlicher Routenwahl, sowie ein freies 900-km-FAI-Dreieck mit OLC-Verlängerung auf 1102 km fliegt Mathias Schunk zwischen 06. und 08. Mai 2016

 

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