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Interview – Felipe Levin

By 24. November 2015Interview

Testpilot Felipe Levin (Deutscher Meister 2015 in der Standardklasse) beantwortet heute unsere Fragen:

Was ist für dich / was bedeutet dir Segelfliegen? Max 3 Wörter

Erlebnis, Freundschaften, Technik

 

Was war bis anhin dein grösster sportlicher Erfolg?

Mein fliegerischer Fokus liegt im Wettbewerbssegelflug. Hier haben Erfolge eine gewisse Messbarkeit. 
Laut IGC Weltrangliste ist meine höchstbewertete Leistung der 3. Platz bei den Weltmeisterschaften der Standardklasse 2012/2013 in Chaves, Argentinien. 
Im Juniorenbereich gelang mir 2009 und 2011 der wiederholte Gewinn des Weltmeistertitels, ebenfalls in der Standardklasse.
Es fällt mir schwer, diese Erfolge gegeneinander zu gewichten.

 

Was war bis anhin dein grösster persönlicher Erfolg im Segelflugsport?

Der Gewinn der Junioren- Weltmeisterschaft 2009 hat Jahre der intensiven Arbeit gekrönt. Neben dem reinen Moment des Erfolgs hat dieser Titel den Zugang in eine Folge von Erlebnissen, darunter die WM in Prievidza gewährt. Aufgrund dieser Schlüsselfunktion ist dieser Titel etwas ganz besonderes für mich. Im ablaufenden Jahr konnte ich die deutsche Meisterschaft der Standardklasse gewinnen. Die Tatsache, diesen Erfolg in enger Teamarbeit mit meinem Bruder Enrique errungen zu haben, macht ihn besonders wertvoll.

 

Und was wäre für dich der ultimative Erfolg?

Jedes anstehende Ziel ist ein Meilenstein und eröffnet seinerseits wieder neue Möglichkeiten und Horizonte. Ein ultimatives, abschließendes Ziel gibt es glücklicherweise im Segelflug nicht. Das ist einer der Gründe, weshalb Segelflug über ein ganzes Fliegerleben faszinierend bleibt.

 

Kannst du uns ein oder zwei Punkte aufzählen, welche du bei deinen Flügen aktiv trainierst und zu deinem Erfolg beitragen?

Jeder Flug ist ein Leistungsflug. Ich versuche, jedem Flug ein Ziel zu geben. Daher fliege ich auch so oft wie möglich angemeldete Flüge außerhalb der Wettbewerbe. Schritt für Schritt versuche ich, jedes Detail zu verbessern, sei es fliegerisch- handwerklich, taktisch oder was auch immer. Die Gesamtheit bringt dann den Erfolg. 

 

Was hast du dir für die kommende Saison für Ziele vorgenommen?

Die kommende Saison wird überwiegend im Zeichen der Weltmeisterschaft in Pociunai stehen.
Bis die Meisterschaft Ende Juli eröffnet wird, möchte ich natürlich eine optimale Vorbereitung realisieren.
Eine Zielvorgabe für das Meisterschaftsergebnis habe ich nicht. Vielmehr möchte ich mit dem guten Gefühl nach Litauen fahren, alle Möglichkeiten in der Vorbereitung genutzt zu haben.
Auf dem Weg nach Hause möchte ich mir wieder sicher sein, den Spaß am Fliegen nicht vernachlässigt zu haben.

 

Was ist für dich die grösste Herausforderung und was machst du dagegen?

Jeder Flug ist eine komplexe Herausforderung. Speziell mentale Aspekte haben einen enormen Einfluss auf die persönliche Leistungsfähigkeit. Ohne dass ich hier Fachmann bin, versuche ich für mich Strategien zu erarbeiten, unter allen Randbedingungen meine Leistung abrufen zu können.

 

Kannst du Lernmittel oder dergleichen empfehlen? ( Bücher, Seminare, Webseiten, Coaches?)

„Streckensegelflug“ von Helmut Reichmann halte ich nach wie vor für ein unumgängliches Standardwerk. Alle theoretischen Grundlagen werden dort vollumfänglich erläutert. Das Buch der Brigliadori’s gibt aus meiner Sicht ebenfalls wertvolle Hinweise, insbesondere in Verbindung mit Reichmanns Werk. Im Bereich des Wettbewerbssegelfluges würde ich darüber hinaus jedem empfehlen, Kontakt zu erfahrenen Wettbewerbspiloten aufzunehmen, um im Gespräch von deren Erfahrungen zu profitieren.
Für diejenigen, die sich mehr im Bereich Alpensegelflug entwickeln möchten, empfehle ich die aktuellen Flugberichte und Arbeiten, z.B. von Benjamin Bachmaier (Flugfieber). Ganz generell ist es immer wieder lohnenswert, die Flüge, Berichte und Ausarbeitungen der Gebrüder Tijl und Bert Schmelzer zu verfolgen.

 

Hattest du während deiner fliegerischen Laufbahn einen Durchbruch? Kannst du uns erzählen was es war und wie es dazu kam?

Fliegen ist eine kontinuierliche Entwicklung. Einen schlagartigen Durchbruch kann ich daher nicht festlegen. Am nächsten an einen echten Durchbruch kam für mich die Teilnahme am Pribina Cup 2007. Dort konnte ich all das, was ich in den vorangegangenen Jahren und insbesondere in der Sportfördergruppe der Bundeswehr  2006, gelernt hatte, in internationalem Umfeld und unter komplexen Bedingungen umsetzen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, einen Segelflugwettbewerb in Gesamtheit erfasst zu haben.

 

Was war der beste Ratschlag den du jemals bekommen hast?

In meiner fliegerischen Laufbahn hatte ich das große Glück, eine Vielzahl an wunderbaren Menschen und talentierten und fähigen Fliegern kennen zu lernen.
Besonders begeistern mich immer diejenigen, die offensichtlich Freude am Fliegen versprühen. Weniger durch ihre Ratschläge, sondern vielmehr durch jeden ihrer Flüge und die begeisterten Erzählungen haben sie mir stets vor Augen geführt, was diese Freude am Fliegen bedeutet. Beispielhaft verkörpern unter anderen Uli Schwenk und Tilo Holighaus diese Freude und Begeisterung.

 

Welchen Ratschlag gibst du jemanden der die Lizenz gerade neu erworben hat?

Der Segelflugsport ist vielschichtig und erlaubt unterschiedlichste Herangehensweisen. Wer sich angemessene Ziele setzt und sich stetig weiterentwickelt kann über viele Jahre persönliche Erfolgserlebnisse aus dem Segelflug mitnehmen.
Ich rate dabei jedem, den zweiten Schritt nicht vor dem Ersten zu tun. Bekanntermaßen kann zu ambitioniertes Vorpreschen zu Überforderung und in Folge zu gefährlichen Situationen und Angst führen.

 

Hast du einen Spruch oder ein Motto das du geistig mit dir trägst?

Ein eingängig formuliertes Motto kann ich leider nicht vorweisen. Für mich selbst achte ich darauf, dass bei allen fliegerischen Vorhaben und Aktivitäten, sei es „nur“ ein Platzflug, ein Langstreckenflug, ein Rekord oder ein Wettbewerb, immer die Freude am Fliegen im Vordergrund steht.

 

Gibt es einen Flug nebst den Wettkämpfen und Bestleistungen an den du dich für immer erinnern wirst? Und weshalb?

Im Wettbewerb bin ich üblicherweise recht angespannt und fokussiert. Der Blick für die Schönheit der Natur und Landschaft geht dadurch leider ein wenig verloren. Bei freien Flügen hingegen kann ich mich mehr auf diese ästhetischen Reize konzentrieren.

Im vergangenen Winter 2014/2015 hatte ich die Gelegenheit, 10 Tage von Pokweni in Namibia aus zu fliegen.Erst beim allerletzten Flug dort entstand die berühmte Konvergenz an der Abbruchkante zur Namib- Wüste. Die Strecke entlang der Konvergenz war wahnsinnig beeindruckend und einprägsam. Unter uns die Mondlandschaft des Gebirges und die unbewohnten Sandflächen der Namib, der Sandsturm durch die Absaugeffekte der Konvergenz. Neben und über uns in über 5000 m Höhe gigantische Wolkenberge, an der Grenze der Überentwicklung, mit Schneeschauern und selten erlebten Steigwerten. Mitten zwischen all diesen Extremphänomenen bewegt man sich mit einem eleganten Segelflugzeug und legt enorme Distanzen bei hohen Geschwindigkeiten zurück. Der Endanflug in den Sonnenuntergang an diesem Abend wird mir sicher lange in Erinnerung bleiben.

 

Gibt es sonst etwas, dass du den Lesern mitteilen möchtest?

Segelflug kann auf vielerlei Arten faszinierend sein.
Ich möchte jeden einladen, sich dieser Faszination auf seine eigene Art hinzugeben und ihr zu erliegen.
Am Himmel ist noch viel Platz für Flugbegeisterte!

 

Felipe Levin – November 2015

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