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Interview – Bert Schmelzer

By 28. April 2015Interview
Bert Schmelzer

Weltmeister Bert Schmelzer ist Testpilot bei MILVUS gibt Antwort auf unsere Fragen:

Was ist für dich / was bedeutet dir Segelfliegen? Max 3 Wörter

Leidenschaft – Spitzensport – Freiheit

Was war bis anhin dein grösster sportlicher Erfolg?

Der Gewinn der Weltmeisterschaft in der Standardklasse in Räyskälä (Finnland).

Was war bis anhin dein grösster persönlicher Erfolg?

Die persönlichen Aspekte des Gewinns des Weltmeistertitels: Mein Bruder als Teampartner und meine Freundin und Familie an meiner Seite zu haben. Ohne richtige Unterstützung vor und während dem Wettbewerb ist es nahezu unmöglich Topleistungen zu erfliegen.

Und was wäre für dich der ultimative Erfolg?

Noch mindestens 40 Jahren mit der gleichen Begeisterung segelzufliegen (und natürlich den grossen WM-Pokal nochmals nach Hause mitnehmen zu dürfen 😉

Kannst du uns ein oder zwei Punkte aufzählen, welche du bei deinen Flügen aktiv trainierst und zu deinem Erfolg beitragen?

Fliegen ohne konkretes Ziel ist nicht meine Sache. Deswegen versuche ich bei jedem Flug zielgerichtet zu trainieren. Das bedeutet besser zu steigen als andere, optimales Vorfliegen, präziser Endanflug, … Für mich ist es dabei wichtig möglichst angemeldete Aufgaben zu fliegen, sonst wäre der Trainingseffekt zu gering. Trotzdem merke ich, dass der Unterschied zu einem Wettbewerbsflug relativ gross bleibt. Dort kann ich mich nämlich um 10-20% besser konzentrieren. Deswegen habe ich mich in letzter Zeit mehr an Rekordversuchen in den verschiedensten Geschwindigkeitskategorien gewagt. Diese Fliegerei ähnelt dem Wettbewerbsflug am Meisten.

Was hast du dir für die kommende Saison für Ziele vorgenommen?

Diese Saison wird etwas anders sein als sonst, da ich zum 7. Helli Lasch Challenge in Tswalu (Süd-Afrika) eingeladen wurde. Im März 2015 haben wir dort 2.5 Wochen am Rande der Kalahari Wüste verbracht in einer fantastischen Lodge zusammen mit 4 weiteren Weltmeistern samt Partnern und der südafrikanischen Nationalmannschaft, 10 JS-1 und 2 Duo’s, … ein Traum.

Da ich auf die Teilnahme an der EM in Rieti verzichtet habe, werde ich mich hauptsächlich auf Langstreckenflüge konzentrieren. Es gibt ebenfalls noch einige belgische und Kontinalrekorde die man schärfer stellen könnte.

Ganz auf die Wettbewerbsfliegerei möchte ich in dieser Saison aber doch nicht verzichten: die belgischen und niederländischen Meisterschaften werden zu einem hochkarätigen Wettbewerb zusammengelegt. Dort werde ich im Mai mit meinem Bruder als Teampartner antreten.

Was ist für dich die grösste Herausforderung und was machst du dagegen?

Jeder Flug ist eine Herausforderung. Wind, Wolken, Thermik, Konvergenzen, Flugzeug, Wasserballast, Pilot, … Es gibt so viele unterschiedliche Parameter die wir nur teilweise im Griff haben. Ich finde es unglaublich spannend dieses Zusammenspiel zwischen Mensch, Technik und Natur zu optimieren. Manchmal funktioniert das, und manchmal auch nicht, aber Spass am Fliegen habe ich immer.

Kannst du Lernmittel oder dergleichen empfehlen? ( Bücher, Seminare, Webseiten, Coaches?)

Alle klassischen Lehrbücher sind Pflichtlektüre für ambitionierte Piloten. Herausragend sind immer noch Helmut Reichmann’s Streckensegelflug und für den Wettbewerbsflug gibt es nichts Besseres als Competing in Gliders von Leo und Ricky Brigliadori.

Nebst der Literatur als Vorbereitung, hat der mentale Aspekt eine besondere Bedeutung. Das OLC Team bietet Lehrgänge an die einem das nötige Werkzeug vermitteln.

Hattest du während deiner fliegerischen Laufbahn einen Durchbruch? Kannst du uns erzählen was es war und wie es dazu kam?

Nachdem ich die Vor-WM 2006 gewonnen hatte, startete ich an der Junioren WM in Rieti als Topfavorit. Den ersten Tag konnte ich relativ eindeutig gewinnen. Eine unerwartete Aussenlandung am 3. Tag liess dann den Traum vom Weltmeistertitel platzen. Ich glaube, dass solch einen Rückschlag zu erleben, wichtig war für meine weitere fliegerische Entwicklung. Bis dahin hatte ich nämlich fast nur Erfolge feiern dürfen. Aus diesem Tal zu klettern, hat mir eine grosse mentale Stärke gegeben.

Was war der beste Ratschlag den du jemals bekommen hast?

Ich hatte das grosse Glück in einer Fliegerfamilie aufzuwachsen. Es gab also mehrere Personen die mich in der fliegerischen Entwicklung unterstützt und geprägt haben. Mein Grossvater war mein erster Fluglehrer. Nach dem Scheinerhalt hat mein Vater mir das A und O des Strecken- und Wettbewerbsfliegens beigebracht. Die dritte wichtige Person war Leonardo Brigliadori, der mir – nach dem Verlust des Junioren Weltmeistertitels – den Rat gab niemals aufzugeben. Er meinte damals, dass ich irgendwann wieder die Chance auf einen WM Titel bekommen würde. Sieben Jahre später sollte er recht behalten.

Welchen Ratschlag gibst du jemanden der die Lizenz gerade neu erworben hat?

Verliere niemals die Freude am Fliegen. Talent, Motivation und Ehrgeiz sind wichtige Aspekte, sowohl in der Fliegerei wie auch am Boden. Aber ohne Freude und Begeisterung wird man nicht sehr weit kommen. Für mich ist jeder Flug die pure Freude, egal ob es eine erweiterte Platzrunde, oder einen Rekord oder Wettbewerbsflug ist. Ich bin davon überzeugt, dass das der Schlüssel zum Erfolg ist.

Hast du einen Spruch oder ein Motto das du geistig mit dir trägst?

Ab und zu gibt es Situationen oder gar ganze Flüge wo jede Entscheidung wie von alleine kommt und absolut richtig ist. Das erstaunt mich (im Nachhinein) jedes Mal wieder. In diesem Zusammenhang gibt es ein Zitat aus „Die Möwe Jonathan“ von Richard Bach: „Der ganze Körper ist von einer Flügelspitze zur anderen nichts anderes als Gedanke. Geist in sichtbarer Gestalt. Durchbrecht die Beschränktheit eures Denkens, und ihr zerbrecht damit auch die Fesseln des Körpers.“ Für mich ist es die Kombination aus Intuition, Erfahrung und Wille die diese Flow-Situation ermöglicht.

Gibt es einen Flug nebst den Wettkämpfen und Bestleistungen an den du dich für immer erinnern wirst? Und weshalb?

Das Erstaunliche an unserem Hobby ist die Tatsache, dass jeder Flug anders ist und seine eigenen Reize hat. Sogar die erweiterten Platzrunden können einem etwas Besonderes der Natur zeigen. So erinnere ich mich an einem aussergewöhnlichen thermischen Flug bis weit nach Sonnenuntergang in Belgien. Dabei konnte ich Mond und Venus aus erster Reihe anschauen, bis ein Funkspruch meiner beunruhigten Mutter mich wieder in die Realität zurückholte und ich im Stockdunkeln den Flugplatz wiederfinden musste.

Gibt es sonst etwas das du den Lesern mitteilen möchtest?

Der Untertitel von meinem Buch „One year of Gliding“ drückt das, was mir wichtig erscheint sehr treffend aus: „Never stop exploring“.

 

Bert Schmelzer – April 2015

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